Wenige Minuten waren es noch.
Das Licht über den Bergen Asturiens hatte sich verändert. Die Landschaft wirkte plötzlich fremd, beinahe unwirklich, und die Temperatur war merklich gefallen. Dann begannen die Grillen zu zirpen. Die Vögel dagegen wurden still.
Am Himmel erschienen Venus und Jupiter.
Rundherum wurden die Stimmen lauter. Menschen riefen begeistert durcheinander, Kameras klickten – und zwischen all der Aufregung versuchten wir noch, unsere Technik für die entscheidenden Sekunden bereit zu bekommen. Hier musste noch ein Filter herunter, dort stimmte plötzlich der Fokus nicht mehr, und ausgerechnet jetzt wollte ein Smart-Teleskop nicht mehr richtig nachführen.
Mehr als ein Jahr Vorbereitung – und nun trennten uns nur noch Augenblicke von dem Ereignis, für das wir nach Spanien gereist waren.
Ein Jahr Planung für wenige Minuten
Unsere Reisegruppe bestand aus zehn Personen, darunter mehrere Mitglieder des Astronomie-Clubs Ostfriesland e. V. sowie einige Bekannte, die sich der Reise angeschlossen hatten. Die Vorbereitungen für die Reise hatten bereits mehr als ein Jahr zuvor begonnen.
Am 8. August kamen wir in Asturien an. Unsere Unterkunft bezogen wir in Moal, von dort aus erkundeten wir in den folgenden Tagen die Region und verschiedene mögliche Beobachtungsplätze. Denn für eine Sonnenfinsternis reicht ein schöner Aussichtspunkt allein nicht: Der Blick in Richtung der tief stehenden Sonne musste frei sein – und am Ende würde vor allem das Wetter entscheiden.
Einer unserer möglichen Standorte war der Puerto del Connio auf rund 1.300 Metern Höhe. Mehrere Nächte hatten wir dort bereits unter dem asturischen Sternenhimmel verbracht und beobachtet. Schließlich fiel die Entscheidung: Hier wollten wir auch die Sonnenfinsternis erleben.
Der Berg füllt sich
Am 12. August erreichten wir gegen 12:30 Uhr den Pass – rund acht Stunden vor der Totalität. Ein anderer Astronom aus Frankreich war bereits dort. Später kamen weitere hinzu, die wir am Vorabend kennengelernt hatten. Auch einige Hamburger trafen ein und schnell kam man miteinander ins Gespräch, verglich Ausrüstung und tauschte Erfahrungen aus.
Wir bauten Teleskope, Kameras und Stative auf. Viele aus unserer Gruppe hatten Smart-Teleskope und Kameras im Einsatz, aber auch ein paar H-Alpha-Teleskope waren dabei, um Protuberanzen mit aufzunehmen.
Danach hieß es vor allem: warten. In der brütenden Sonne.
Das Wetter sorgte zwischendurch für einen kleinen Schreckmoment. Winzige Wolken brachten tatsächlich ein paar Regentropfen zustande, und kurz zog ein Schauer durch. Doch ebenso schnell war er wieder verschwunden. Der Himmel blieb weitgehend klar.
Mit jeder Stunde kamen mehr Menschen auf den Puerto del Connio. Noch kurz vor Beginn der Finsternis rollten Fahrzeuge die kurvenreiche Bergstraße hinauf. Schließlich sollen sich rund 200 Menschen verschiedenster Nationalitäten auf dem Pass versammelt haben. Aus dem ruhigen Beobachtungsplatz war eine Mischung aus Astronomentreffen und Volksfest geworden.
Dann schob sich der Mond vor die Sonne.
Gänsehaut-Feeling zur totalen Phase
Mit Beginn der partiellen Phase waren wir zunächst schwer beschäftigt. Kameras liefen, Smart-Teleskope zeichneten auf, Einstellungen wurden kontrolliert und immer wieder wanderte der Blick zur schmaler werdenden Sonnensichel.
Je näher die Totalität rückte, desto stärker veränderte sich die Umgebung.
Das Licht wurde fahl und unwirklich. Die Temperatur sank merklich. Wenige Minuten vor der Totalität begannen die Grillen zu zirpen, als wäre der Abend angebrochen. Die Vögel verstummten. Venus und Jupiter wurden am Himmel sichtbar.
Gleichzeitig stieg die Aufregung unter den Menschen, begeisterte Rufe waren zu hören. Und bei uns wurde es stellenweise noch einmal hektisch.
Bei einigen funktionierte die Technik nicht wie geplant. Ein Sonnenfilter blieb auf dem Teleskop, obwohl er längst herunter sollte. Anderswo wurde versehentlich der Fokus verstellt. Ein Smart-Teleskop beschloss ausgerechnet jetzt, nicht mehr vernünftig nachzuführen.
Über ein Jahr Planung trifft auf wenige entscheidende Sekunden und natürlich entwickelt die Technik genau dann ihren eigenen Charakter. Doch dann spielte das alles keine Rolle mehr.
Es wird finster
Der letzte Rest der Sonne verschwand hinter dem Mond. Wo eben noch die extrem schmale Sonnensichel gestanden hatte, hing plötzlich eine schwarze Scheibe am Himmel, umgeben von der hellen Korona.
Die Stimmung auf dem Berg veränderte sich schlagartig. Aus der aufgeregten Volksfeststimmung wurde für einen Moment beinahe ehrfürchtiges Staunen.
Es ist ein Anblick, auf den man sich theoretisch vorbereiten kann. Man kennt Bilder, Videos und Beschreibungen. Und trotzdem ist die Wirklichkeit etwas vollkommen anderes.
Die fremdartige Dämmerung über den Bergen. Die Kühle. Die Reaktion der Tiere. Planeten am Himmel. Die schwarze Sonne mit ihrer Korona – und rundherum Menschen, die für denselben kurzen Augenblick hierhergekommen waren.
„Absolut oberhammergeil“, war meine wenig wissenschaftliche, aber dafür ziemlich treffende erste Zusammenfassung.
Auch Markus Braun beschrieb unmittelbar danach einen besonderen Moment: Alle seien plötzlich ruhig gewesen und hätten gemeinsam dasselbe Ereignis erlebt.
Trotz technischer Pannen und der kurzen Dauer der Totalität waren wir uns anschließend einig: Diese Reise hatte sich gelohnt.
Von der Sonnenfinsternis zu den Perseiden
Langsam gab der Mond die Sonne wieder frei. Wir blieben auch während der zweiten partiellen Phase auf dem Berg, während viele andere Besucher bereits ihre Ausrüstung einpackten und sich auf den Heimweg machten.
Nach Sonnenuntergang fuhr ein Teil unserer Gruppe zurück nach Moal. Andere blieben auf dem Puerto del Connio. Schließlich waren gleichzeitig die Perseiden aktiv.
Ich fuhr zunächst ebenfalls hinunter, stellte allerdings fest, dass für eine Nacht auf 1.300 Metern eine Kleinigkeit fehlte: warme Kleidung. Also ging es noch einmal über die kurvige Straße zurück auf den Berg, diesmal mit Jacken im Gepäck.
Die Durchsicht war in dieser Nacht zwar schlechter als bei unseren Beobachtungen zuvor, dennoch zeigten sich einige Perseiden und auch mehrere helle Sternschnuppen und Boliden. Zum Abschluss entstanden noch gemeinsame Fotos unter dem Sternenhimmel.
Gegen 3:30 Uhr kehrten schließlich auch die Letzten von uns zur Unterkunft zurück.
Fast 15 Stunden hatten wir auf dem Puerto del Connio verbracht – mit Sonne und ein paar Regentropfen, Teleskopen und Technikpannen, rund 200 Gleichgesinnten, einer schwarzen Sonne und schließlich Sternschnuppen über den asturischen Bergen.
Die Totalität selbst dauerte nur kurz. Aber diese wenigen Augenblicke werden uns vermutlich sehr viel länger begleiten.





